SACHBUCH Modernes Theater verstehen

Wenn auch dem eingefleischten Theaterliebhaber der Kopf schwirrt angesichts von modernen Performances und Regietheaterinszenierungen, dann braucht es Orientierung. Andreas Engelhart versucht mit dem kleinen Bändchen "Das Theater der Gegenwart" für einen Überblick zu sorgen.

Erst die Erklärung, dann das Vergnügen

Um sein Vorhaben zu begründen vergleicht der Münchner Theaterwissenschaftler die gegenwärtige Theaterkultur mit der zeitgenössischen bildenden Kunst: Ohne Erklärungen und Kommentare bleibt Verständnis - und damit leider auch Vergnügen - aus. Seine Publikation wolle Abhilfe schaffen und sei zugleich „die erste dieser Art.“ Gibt es wirklich keine aktuellen Einführungen ins Gegenwartstheater? Um diese Frage zu klären werfen wir zunächst einen Blick auf ähnliche Darstellungen, um Englharts Buch einzuordnen.

Einen guten Überblick über das Theater nach 1945 liefert etwa Henning Rischbieter in „Durch den Eisernen Vorhang - Theater im geteilten Deutschland 1945 bis 1990“*. Diese Übersicht endet titelgemäß allerdings 1990 und ist nur noch antiquarisch erhältlich. Ebenfalls gut lesbar ist Hans-Thies Lehmanns mittlerweile in der sechsten Auflage  erschienenes „Postdramatisches Theater“*. Während Rischbieters Darstellung vor 27 Jahren endet, behandelt Lehmann in seinem Referenzwerk neben postmodernen Klassikern wie Robert Wilson und Heiner Müller auch zeitgenössisches Performance-Theater wie z.B. Rimini Protokoll oder SheShePop. Gleichwohl kann es mit seinen fünfhundert Seiten dem Orientierung suchenden Theaterliebhaber nicht eben als Erstlektüre empfohlen werden.Und das war´s dann auch schon mit Überblicksdarstellungen, was angesichts der vielfältigen deutschen Theaterlandschaft mehr als erstaunlich anmutet.

"Nackt und mit Farbe einschmieren" - Der Streit um das Regietheater

Umso verdienstvoller also das Unterfangen von Verlag und Autor, hier Abhilfe zu schaffen. Das Format der C.H. Beck Wissen – Reihe erlaubt mit 128 Seiten keine Ausschweifungen, und so beginnt der Autor in medias res mit dem Streit um das Regietheater. Aufgrund der im globalen Vergleich beispiellos hohen staatlichen Förderung - jeder Platz hierzulande wird mit etwa 80 Prozent subventioniert - werden den Theatermachern avancierte Ästhetiken ermöglicht, ohne auf den "trivialen" (oder freundlicher formuliert: "traditionellen") Geschmack des breiten Publikums Rücksicht nehmen zu müssen. Für den Liebhaber traditioneller Inszenierungen wird es dadurch allerdings bisweilen unverständlich, und die in den 60er Jahren begonnene Kontroverse um das Gegenwartstheater wurde zum Dauerstreit. Befreit vom Anspruch, leicht verdauliche Massenunterhaltung liefern zu müssen, ist für die Theatermacher der Geschmack professioneller Theaterkritiker häufig wichtiger als der Publikumsgeschmack. Undenkbar in Ländern wie den USA oder England: Der sich ärgernde Zuschauer käme nicht wieder, das Theater ginge pleite.

 

 

 

 

 

 

 

Phänomenal: Die Zuschauer ärgern sich - und kommen trotzdem wieder

Der deutsche Theaterzuschauer ärgert sich zwar gelegentlich auch, das Faszinierende ist jedoch, dass er immer wiederkommt. Erstaunlich dass wir immer nur auf den Fussball- oder Exportweltmeister reduziert werden, denn bei den für die Theatern so wichtigen Flatrate-Zuschauern, präziser: Abonnementen, ist Deutschland Weltmeister. Hier analysiert Englhart scharfsichtig eine gewisse Schizophrenie des deutschen Bildungsbürgers. Man ärgert sich gerne beim Weißwein danach und kommt trotzdem immer wieder, weil es für den guten deutschen Bildungsbürger nunmal dazugehört.

Im weiteren werden sowohl Bertolt Brecht oder Erwin Piscator als Vorläufer des Gegenwartstheaters herausgearbeitet, und Peter Handkes legendäre Publikumsbeschimpfung*, 1966 unter Peymann in Frankfurt uraufgeführt, als wichtiger Meilenstein für das moderne Regietheater hervorgehoben. Die ersten Sätze des damaligen Skandalstücks sind bereits programmatisch: "Sie werden kein Schauspiel sehen. Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden. Sie werden kein Spiel sehen. Hier wird nicht gespielt werden." 

Über  Sinn oder Intention einzelner Regieeinfälle die man heute allerorten sieht (etwa das Verteilen einzelner Rollen auf mehrere Schauspieler, das Überblenden von Darstellern mit Videocollagen und ähnlichem) erfahren wir hingegen wenig. Auch werden die vielfältigen Begriffe nicht immer trennscharf definiert,  als Beispiele werden zwar unterschiedlichste Theaterinszenierungen genannt,  die meisten Leser dürften diese jedoch kaum gesehen haben. Hier wäre mit einer DVD-Beigabe oder auch youtube-Links im Literaturverzeichnis der nächsten Auflage viel gewonnen.

Dennoch: Angesichts der erstaunlichen Konkurrenzlosigkeit ist „Das Theater der Gegenwart“ nicht nur verdienstvoll. Es ist insgesamt eine gelungene Einführung und für jeden Theaterliebhaber schlicht unverzichtbar.

Thomas Löding, culturmagazin.de vom 22.04.2017


Andreas Englhart: Das Theater der Gegenwart

Taschenbuch: 128 Seiten, Verlag: C.H.Beck;

Auflage: 1 (13. September 2013), ISBN-13: 978-3406654763,

Preis: 8,95 Euro

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