DENIZ YÜCEL Ein Deutschenhasser? Artikel und Texte 

Deniz Yücel © privat

Zum Jahrestag seiner Inhaftierung hat die Edition Nautilus ein Buch mit Artikeln und Texten des Journalisten Deniz Yücel herausgebracht. Zwei Tage danach kam er frei. Die Artikel zeigen, dass Yücel kein bequemer Journalist ist - und auch nicht sein will.

Wie das Buch entstand

„Dieser Ort“, schreibt Deniz Yücel im Februar 2017 aus dem Polizeigewahrsam in Istanbul, „hat keine Erinnerung. Alle, die ich hier kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster – alle haben mir gesagt: ,Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.’ Ich habe gesagt: ,Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.’“[1] Kuratiert von der Journalistin Doris Akrap versammelt der Band Artikel, Reportagen, Satiren, Polemiken, Kommentare, Glossen und andere „Gebrauchstexte aus dem Handgemenge“.

Yücels Texte sorgen für Schlagabtausch im Bundestag

Dass nicht jeder Lesende mit Satiren und Kolumnen umzugehen versteht zeigt der heftige Schlagabtausch im Bundestag eine Woche nach Yücels Freilassung. Bereits am Tag seiner Freilassung postete Alice Weidel (AFD) bei Facebook: „Wenn also die Medien heute berichten, der ,deutsche Journalist’ Yücel sei freigelassen worden, dann sind das gleich zwei Fakenews in einem Satz. Den antideutschen Hassprediger Yücel als Journalisten zu bezeichnen, ist geradezu grotesk.“[2]

Darauf folgte eine Woche später ein Antrag der AFD-Fraktion im Bundestag. Der AFD-Abgeordnete Wolfgang Curio fordert darin eine Missbilligung von Yücels „deutschlandfeindlichen Äußerungen.“ Wortwörtlich: "Zu vermeiden ist der mögliche Eindruck, dass mit seiner ganz außerordentlichen Vorzugsbehandlung eine stille Billigung seiner wohlbekannten deutschlandfeindlichen Äußerungen einhergeht. Geboten scheint deshalb, dass die Bundesregierung eine Missbilligung dieser Äußerungen ausspricht."

Curio zitiert in seiner Rede eine taz-Kolumne Yücels, in der dieser sich über das „Deutschensterben“ freue. Tatsächlich hat Yücel unter dem Titel „Super, Deutschland schafft sich ab“ vom 04.08.2011 auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ reagiert. Und obwohl er nicht „Vorsicht, Satire!“ darüber geschrieben hat darf man einem Bundestagsabgeordneten zutrauen einen Artikel, der wie folgt beginnt, entsprechend einzuordnen: „Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!“ (Deniz Yücel, S. 59 im Buch)

Cem Özdemir reagierte empört auf den AFD-Antrag (siehe Video)

Zu Curios Beweisführung zählt auch eine Kolumne Yücels aus dem Jahr 2012, in der er Sarrazin einen Schlaganfall wünsche. Der AFD-Politiker erwähnt jedoch nicht, dass die taz bereits 2012 dafür vom Presserat gerügt wurde[3] und das Yücel eine Klarstellung dazu veröffentlichte. Möglicherweise ging es der AFD aber auch gar nicht darum einen „Hassprediger“ zu enttarnen, sondern, wie so oft, mangels Inhalt mit plumpen Provokationen Schlagzeilen zu machen. Die Frage, aufgrund welcher Reportagen Yücel in der Türkei über ein Jahr im Gefängnis saß, gerät dabei ins Hintertreffen, obwohl es gerade diese Artikel sind die Beachtung verdienen.

Welche Artikel führten zur Inhaftierung?

Eine eindeutige Antwort auf die Frage welche von Yücels Texten zur Inhaftierung geführt haben ist das Regime Erdogan bisher schuldig geblieben. Vermutlich nahm die türkische Regierung aber insbesondere die folgenden drei Texte zum Anlass für die Verhaftung. Unter der Überschrift „20 Gigabyte E-Mails, die Erdogan in Bedrängnis bringen können“[4] verweist Yücel auf ein Datenleak[5] von gehackten AKP-E-Mail-Konten. Demzufolge gebe es Hinweise auf Ölgeschäfte zwischen der Türkei und den Kurden im Irak – mehr als unbequem, wenn die Staatsproganda ansonsten gegen Kurden zielt. Dazu berichtet Yücel über Waffenlieferungen der Türkei an den „Islamischen Staat“, jene Terrororganisation die zu bekämpfen sie behauptet. Auch der zweite Artikel mit Bezug auf die gehackten Mails deckt Brisantes auf. In „Die geheime Troll-Armee des Recep Tayyip Erdogan“[6] präsentiert Yücel Beweise für die gezielte Beeinflussung von Facebook und Twitter durch den türkischen Präsidenten. Und schließlich führt der dritte Artikel, ein Interview mit dem PKK-Führungsmitglied Cemil Bayik[7], zum Vorwurf der Terrorpropaganda. Und zur Inhaftierung. [8] Dieses Interview als der vermutlich ausschlaggebende Anlass zur Verhaftung ist ebenfalls im Sammelband enthalten.

Verfassungsschutz braucht Schutz

Wer über die aktuellen Themen hinaus noch mehr erfahren will, wen es interessiert, wie warum und worüber Deniz Yücel schreibt, der wird ebenfalls fündig. Etwa wenn der Journalist über seine Erfahrungen mit einem Kurs „für Ausländer“ berichtet. Frei von Verbitterung, aber nicht frei von Ironie zeigt er an seiner eigenen Geschichte auf wie man sich im hessischen Flörsheim der Achtzigerjahre Integration vorstellte: Sein Bericht „Mathe für Ausländer“ ist herrlich absurd und darf zu den besten Texten des Bandes gezählt werden. Oder wenn er die sächsischen Verfassungschützer beim Wort nimmt: „Der Verfassungsschutz Sachsen warnt: ,Rechtsextremisten bieten sich gerne als Unterstützer bei Organisation und Durchführung asylkritischer Veranstaltungen an und beabsichtigen dadurch, Einfluss auf Ziel und Art des Protestes zu gewinnen.’ Den Menschen draußen im Lande muss das ja jemand sagen. Sonst gehen sie am Ende im besten Wissen und Gewissen auf eine asylkritische Veranstaltung, rufen unbedarft ein paar asylkritische Parolen und werfen, auf dem Heimweg ein paar asylkritische Brandsätze, ohne zu ahnen, wer da sonst so mitmischt.“  (Deniz Yücel, S.40). Dieser Text erschien zuerst in der WELT, und von dieser Art wünscht man sich mehr in den Axel-Springer-Zeitungen.

Deniz Yücel Wir sind ja nicht zum Spaß hier culturmagazin

Deniz Yücel © privat

Man kann, darf und sollte Yücel natürlich nicht in jeder seiner Ansichten zustimmen. Als er Thilo Sarrazin einen „zweiten Schlaganfall“ wünschte ist er zu weit gegangen. Oder wenn er in einer taz-Debatte den Deutschen qua Deutschsein das Recht auf Israelkritik abspricht. Für die meisten seiner Artikel aber gilt Tucholskys Maxime: „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“

Man mag sich an Heinrich Heines Polemiken erinnert fühlen, an Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis“ oder eben an Kurt Tucholskys politische Schriften. Und das ist keineswegs zu hoch gegriffen, denn Yücels unnötiger Verbalradikalismus wie im Fall Sarrazin bleibt glücklicherweise die Ausnahme. Meist gelingt es ihm zwischen scharfzüngiger Polemik und brillanter Satire zu changieren. Gewiss, seine Ansichten sind nie bequem. Aber sie wollen es auch gar nicht sein. Genau das macht dieses Buch so lesenswert.

Thomas Löding, culturmagazin.de vom 23.02.2018


Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Doris Akrap

Broschur, 224 Seiten, Verlag: Edition Nautilus

Auflage: 4 (Februar 2018), ISBN 978-3-96054-073-1

Preis: 16 Euro

Buch bei amazon.de*


 

[1] Edition Nautilus http://www.edition-nautilus.de/programm/Flugschriften/buch-978-3-96054-073-1.html

[2] Facebook-Post von Alice Weidel, 17. Februar 2018

[3]  Zitat: „[…] dem man nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten.“ Der Presserat „…hält es für unvereinbar mit der Menschenwürde, jemandem eine schwere Krankheit oder Schlimmeres zu wünschen.“ Archiviert unter:  https://web.archive.org/web/20121211082434/http://www.presserat.info/inhalt/dokumentation/pressemitteilungen/pm/article/fotos-von-opfern-gezeigt.html (Zugriff am 23.02.2018)

[4] https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article158632936/20-Gigabyte-E-Mails-die-Erdogan-in-Bedraengnis-bringen-koennen.html

[5] https://wikileaks.org/akp-emails/

[6] https://www.welt.de/politik/ausland/article160177241/Die-geheime-Troll-Armee-des-Recep-Tayyip-Erdogan.html

[7] https://www.welt.de/politik/ausland/article145529312/Ja-es-gab-interne-Hinrichtungen.html

[8] Siehe hierzu auch die Übersicht unter https://orange.handelsblatt.com/artikel/39892

 

 

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